Sind Hunde aggressiv

Sind Hunde aggressiv?

 

Ein brisantes Thema, bei dem jeder seine eigene Meinung hat und sie sich auch bildet. Hundetrainer gibt es mittlerweile wie Schwammerl im Wald und auch die wissen alles noch viel besser. Ich möchte jetzt nicht als noch besserwisserischer gelten, aber vielleicht ein paar Punkte anführen, wieso Hunde Menschen beißen und ob man immer einen „Schuldigen“ suchen muss oder kann.

Rottweiler tötet Kind, Kind wird von familieneigenen Hunden angegriffen und schwer verletzt, Soldat wird von Diensthund getötet.

Schlagzeilen, die einen überlegen lassen, wie gefährlich Hunde wirklich sind. Irgendwie kommt einem vor, dass immer mehr Hunde zubeißen. Nun, ganz ehrlich gesagt, es sind und bleiben noch immer Einzelfälle und grundsätzlich sterben allein im Straßenverkehr weit mehr Menschen, als Hunde je totgebissen hätten. Es sterben auch mehr Menschen von der Hand eines anderen (erstochen, erschossen, erwürgt, wie auch immer) als es Hunde tun, aber es wird weit mehr Dramatik um einen Hund gemacht, der jemanden verletzt oder vielleicht sogar getötet hat, als um einen Menschen, der seine Mutter oder vielleicht seine Familie umgebracht hat, der seine Freundin erwürgt oder den Ehepartner gemeuchelt hat. Es wird auch von dem nicht oder kaum gesprochen, der auf der Straße einfach so einen anderen Passanten niedersticht, weil’s im gerade so einfällt. Da wird nicht nach Verhalten und Ausbildung und „Leinenführigkeit“ gefragt. Beim Hund schon.

Natürlich ist es ein Drama, wenn Hunde ihre „Waffe“ einsetzen. Und eines möchte ich an dieser Stelle mal ganz deutlich sagen. Ich komme aus der alten Schule, habe mit 15 Jahren angefahren, große Hunde zu führen und dabei galt noch „Du Knecht ich Chef“. Der Hund hatte zu funktionieren und wenn er sich daneben benommen hat, gab es eine aufs Dach. Viele Hunde liefen zu dieser Zeit noch frei, sie haben sich begrüßt, sind weitergegangen, hin und wieder gab es mal eine Reiberei und wenn es wirklich zu einer Rauferei kam … mein Gott, ja, man war versichert. Es wurde definitiv weit weniger Drama gemacht, weil die Leute (zumindest am Land) wussten, wie sie sich zu verhalten hatten. Die Hunde wurden nicht vermenschlicht, man war mit ihnen nicht auf „Augenhöhe“ und man hat durchaus noch gesagt, das ist ein Hund, aber ich bin ein Mensch, mit dem etwas besseren Verstand, den ich so oder auch so einsetzen kann. Natürlich gab es damals auch dämliche Hunde, wie es auch bescheuerte Menschen gab. Die werden nicht aussterben, aber es ging weit ruhiger zu.

Dann kam die Umkehrung. Man durfte den Hund nicht mehr anfassen, Halsband war verboten, nur noch Geschirr, statt Zurechtweisung kam Ersatzhandlungen und das Wort Respekt verlor sich immer mehr. Heute sind Hunde mit ihren Menschen oft schon auf Augenhöhe, nehmen sich Dinge heraus, die sie besser lassen sollten, sind oft respektlos, hängen im Brustgeschirr, dass a Freud is, sind nicht selten unkontrollierbar, frech und können sich mit ihren Artgenossen kaum noch richtig verständigen, weil Leinezwang und Beißkorbpflicht das verhindern. Zudem wird den Leuten eingeredet, sie müssten den Hund geistig auslasten und man wastelt zweimal die Woche, wenn nicht sogar öfter, auf den Hundeplatz, um genau das zu tun. Fahrradfahren ist verboten, den Hund frei laufen lassen, ist ja auch schon grenzwertig, jagt er, ist die Hölle los, reißt er gar ein Wild, geht die Welt unter und beißt der denn zu, machen wir Menschen sowieso alles falsch, weil der Hund ist von Grund auf ja nie böse.

So! Kein Lebewesen auf dieser Welt wird „böse“ geboren, das ist richtig, ich schließe da den Menschen mit ein, aber die Welt ist nunmal nicht niedlich, schon gar kein Ponyhof und wir entwickelt uns, treffen Entscheidungen, haben Emotionen, Gefühle, mal gute wie auch schlechte Tage. Es wird ständig an einem herumgenörgelt, mach dies, mach das, das machst du falsch und so musst du sein. Das nennt man „Gesellschaft“! Ist aber beim Hund nicht anders. Auch er entwickelt sich, entscheidet, denkt, fühlt, hat Emotionen und will hin und wieder aus seiner Haut raus. Er muss wissen, was er darf, was er nicht darf, wird natürlich versuchen, Dinge zu tun, die er nicht tun soll und lernt unentwegt, wie sein Leben am besten verlaufen könnte. Heutzutage erlauben wir unseren Hunden sehr, sehr viel, stufen sie als nett und freundlich ein und erkennen ihre Sprache nicht mehr. Wenn sich zwei Hunde sehen und „aus heiterem Himmel“ zusammenknallen, überdenkt man nicht, dass diese zwei Hunde, die so aus „heiterem Himmel“ zusammengeknallt sind, vorher schon ein ganzes Gespräch geführt haben. Blicke, Körperhaltung, Schwanzhaltung, Mimik … und wir sind zu blind dazu,  das zu lesen, deswegen „der heitere Himmel“.

Weiters kommt unsere Gesellschaft, in der vorgeschrieben wird, wie der Hund zu sein hat. Er muss sich anfassen lassen, überall, von jedem, immer lieb sein, darf nicht knurren, schon gar nicht raufen, sollte vielleicht auch nicht in die Pubertät kommen und schon mal gar nicht geschlechtsreif werden, da viel zu wenige wissen, wie mit einer läufigen Hündinnen umgehen, wenn man denn die Läufigkeit erkennt. Dass Rüden nicht mehr gehorsam sind, wenn sie den Duft einer blühenden Weiblichkeit in der Nase haben, die „bereit“ wäre, sollte vielleicht klar sein.

Jetzt ist aber so ein Hund nunmal ein „Beutegreifer“, auch wenn wir für seine Nahrung sorgen (was mittlerweile auch sowas wie eine Wissenschaft geworden ist). Eigentlich war sein Organismus dazu aufgebaut, die Nahrung aufzuspüren (Nase), eine Strategie zu überdenken (Gehirnzellen aktivieren) und dann gemeinsam die Nahrung zu hetzen (Laufen), bis man sie dann schlagen konnte (totbeißen). Dazu brauchte der Hund/Wolf seine Kraft und auch seine Zähne. Also, ein Hund/Wolf benötigt seine Zähne, um zu überleben. Er weiß, wie man zubeißt, auch wenn es nicht trainiert ist. Viele Hunde haben auch eine Hemmung, zuzubeißen, weil sie es nie tun mussten. Eine Sache, die die Domestikation so mit sich bringt. Zumal es Rassen gibt, die ziemlich arm aussehen würden, müssten sie selbst für Nahrung sorgen. Wird gefressen, wird gestritten. Hält man mehrere Hunde, wird auch da gestritten. Zoff gehört dazu, denn auch Menschen zoffen sich, streiten, dass die Wände wackeln, was in der Gesellschaft völlig normal ist, aber als negativ eingestuft wird. Negativ = schlecht. Eine Mutterhündin wird ihren Wurf verteidigen, wenn sie ihn in Gefahr glaubt und es gibt auch Hunde, die ihre Besitzer verteidigen und auch auf Haus und Hof aufpassen. Dazu gehört aber eine gewisse Portion Aggressivität, sonst gäbe es das gar nicht. Geifern sich zwei Hunde an, weil sie sich partout nicht mögen, zeigen sie Aggressivität, weil sie den anderen zerlegen wollen. Auch Menschen tun das. Wenn sich zwei Menschen anbrüllen, manche gehen sich auch an den Kragen, zeigen sie Aggressivität. Beschützt eine Mutter ihr Kind vor einem Fremden, zeigt sie Aggressivität. Wir verurteilen die Empfindung, weil wir sie für schlecht einstufen, ohne zu überlegen, dass man sie in zumutbare Bahnen lenken kann. Auch bei Tieren wie dem Hund. Habe ich einen frechen Rüpel an der Leine, der jeden andere Hund ankeift, sollte man das verhindert und dem Hund klarmachen, dass man das nicht wünscht. Ist aber immer nett zu beobachten, wenn sich schwere Hunde im Brustgeschirr auf die Hinterbeine stellen, kaum noch gehalten werden können und den Dackel, der gerade vorbei geht, am liebsten schon verdauen möchten. Oft tun die Besitzer nichts, außer die Leine um einen Laternenpfahl zu wickeln, damit sie ihr Vieh halten können. Spricht man solche Leute darauf an, ist man aber nicht gewillt, das Verhalten des Rüpels zu ändern. Weil Hund ist traumatisiert, Hund hatte schlechte Erlebnisse, Hund darf alles tun, denn er darf Hund sein,  Hund zwickt der Furz im Hintern, Hund ist so lieb und was weiß ich, was da so alles an Ausreden erfunden wird. Reißt sich so ein Hund aber los, kommt es zur Eskalation, weil da eben nie gebremst worden ist und dann … wer ist schuld, wer kriegt jetzt Haue?

Viele Hunde sind auch frustriert, weil sie körperlich nicht ausgelastet sind. Manche Hunde werden eine halbe Stunde am Tag an der Leine Gassi geführt und das war’s dann. Ein Hund ist ein Bewegungstier (ja, vielleicht ein Mops nicht, der erstickt vorher), aber normale Hunderassen, ohne körperliche Verkorksungen, sind Lauftiere, die auch laufen wollen. Nicht bei 36 Grad im Schatten, sondern dann, wenn es grauslich ist. Kalt, nass, brrrr. Ich denke, dass die körperliche Auslastung vor der geistigen Auslastung stehen sollte, denn sobald ich mit meinen Dog unterwegs bin, merke ich, wo ich was ändern kann, damit es besser funktioniert und kann direkt dran arbeiten. Dran arbeiten heißt aber nicht immer, Ersatzhandlungen und Ablenkungen einfügen und den Hund mit Leckerlis vorstopfen, sondern auch mal klipp und klar erklären, dass so manches nicht geht. Wenn ich als Chef sage, dass der andere Hund nicht angekeift wird, hat Knecht das zu respektieren. Baue ich eine Ersatzhandlung ein, wird der Hund zwar abgelenkt, weiß aber noch immer nicht, dass er das vorherige nicht darf und Respekt … hä … nie gehört?

Hunde empfinden bei Langeweile Frust. Frust kann sich aufstauen. Werden Kinder gebissen, hat sich der Hund ein Opfer gesucht, bei dem er todsicher als Gewinner aussteigt. Hunde wissen, dass Kinder sich nicht wehren können. Auch kleinere Hunde werden oft als Opfer angekommen, da man sie leichter „erledigen“ kann. Wir Menschen knallen auch Türen zu oder brüllen den Partner grundlos an, wenn wir Frust haben, oder steigen sinnlos ins Gas. Hunde bauen Frust auf ihre Weise ab, weswegen man seinen Hund immer gut lesen sollte, denn auch der hat nicht immer den gleichen Tag.

Auch freilaufende Hunde sind keine menschenfressenden Ungeheuer, aber sie werden heute so hingestellt, wie auch jetzt bei dem getöteten Soldaten. Die Hunde liefen frei. Ich wundere mich, warum ich noch lebe. Meine Hunde laufen auch frei rum und ich wurde noch nicht gefressen. Ein Zugriffshund ist als „Waffe“ ausgebildet worden. Er hat gelernt zu stellen, zuzubeißen, aufzuhalten, darf einer Kampfhandlung nicht ausweichen, muss einstecken und in jeder Situation mit allem was er hat in die Front gehen. Das ein stark veranlagter Mali ausgebildet als Zugriffshund, antrainiertes Wissen für sich nutzen kann, sollte man vielleicht wissen. So ein Hund ist aber keine Maschine, sondern ein Tier, mit Emotionen und mit der Möglichkeit, für sich selbst zu entscheiden. Der wird nicht auf Knopfdruck funktionieren, wie es jetzt in den Medien dargestellt wird. Eine Faustfeuerwaffe wird sich nur dann falsch verhalten, wenn ich sie falsch bediene. Aber sowas lebt nicht, sondern ist tote Materie. Der Hund lebt aber, deswegen ist auch die Fehlerquelle größer, weil dieser Hund Dinge tun kann, die niemand erwartet hat. Warum das Tier diesen Soldaten angegriffen und getötet hat, kann nur erraten werden. Man sollte aber gerade da nie vergessen, er wurde dazu ausgebildet „anzugreifen“. Aus ihm ist eine „Waffe“ gemacht worden und er benutzt jene „Waffe“ die ihm angeboren ist. Sein Gebiss. Tiere, die ausufern, können Menschen verletzen und auch töten. Für uns ist der Grund nicht immer ersichtlich, aber dieses Tier könnte für sich einen gehabt haben. Sagen kann er es schlecht. Aber wir können nicht alle Tiere wegschließen, sondern nur immer wieder daran denken, dass Tiere uns etwas entgegensetzen können, gegen das wir uns vielleicht nicht wehren können, weswegen man sie vielleicht nicht vermenschlichen und Warnungen durchaus ernst nehmen sollte, damit schlimme Unfälle, so gut es geht, vermieden werden.