Die Sache mit der Sozialisierung

Ich kann niemandem sagen, wie es mir jedes Mal sauer hochkommt, wenn ich diesen Satz höre: „Mein Hund wurde nie sozialisiert!“

Würg!

Ich habe jetzt mal das Wort „Sozialisierung“ genommen und definiert:

Zitat:

Die Sozialisation ist die Anpassung an gesellschaftliche Denk- und Gefühlsmuster durch Internalisation (Verinnerlichung) von sozialen Normen. Sozialisation ist ein sozialwissenschaftlicher Begriff. Er bezeichnet zum einen die Entwicklung der Persönlichkeit aufgrund ihrer Interaktion mit einer spezifischen, materiellen und sozialen Umwelt, zum anderen die sozialen Bindungen von Individuen, die sich im Zuge sozialisatorischer Beziehungen konstituieren. Sie umfasst sowohl die absichtsvollen und planvollen Maßnahmen (Erziehung), als auch die unabsichtlichen Einwirkungen auf die Persönlichkeit. Außerdem gehören Schulen, Ausbildungen wie auch Sportaktivitäten dazu.

Zitat Ende (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialisation)

Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern von der Wikipedia kopiert.

Alles schön und gut. Soweit alles verstanden?

Allerdings, wenn ein Hund angeblich nicht sozialisiert wurde, heißt das bei den Menschen vielfach, er wurde nicht so gemacht, wie er für ihn sein soll. Wie sieht nun ein sozialisierter Hund aus? Nett, lieb, verträglich, folgsam. Er hat praktisch alle positiven Eigenschaften bei der Sozialisierung mitbekommen, während man alles Negative weggezaubert hat.

Ist ein Hund nun unverträglich, launisch, lästig, oder hat Macken, die uns stören, dann heißt es sehr oft, der Hund wurde nicht sozialisiert.
Gut!
Der Hund zieht an der Leine und benimmt sich bei jeder Hundesichtung wie ein Ventilator, den man bis zum Anschlag aufgedreht hat – Hund ist nicht sozialisiert.
Bringt sich ein kleiner Hund in Lebensgefahr, weil er einem großen Hund an die Gurgel springt, ist er nicht sozialisiert.
Jault der Hund zuhause, wenn er allein ist, singt und jodelt, ist er nicht sozialisiert.
Hat er keine Lust auf Hunde in der Hundezone, dann ist er schon mal gar nicht sozial.
Neigt er dazu, Frauli oder Herrli zu verteidigen, ist er vermutlich schon asozial.
Jagd der Hund Wild, tötet es (vielleicht ein Kaninchen) und präsentiert die Beute stolz seinen Besitzern, fallen die aus allen Wolken, vielleicht ist auch hier der Hund nicht sozialisiert.

 

Es gibt so viele Verhaltensszenen, in denen sich Menschen rausreden, ihr Hund sei nicht sozialisiert worden und deswegen wäre er so, wie er eben ist.

Ist doch einfach: He du, Hund, du bist nicht sozial, deswegen benimmst dich wie ein Arschloch, aber okay, weil du eben nicht sozialisiert worden bist, akzeptiere ich das mal.

Wann ist jetzt ein Hund sozialisiert? Wenn er mit zwanzig anderen Hunden auf einer Wiese rumkugelt? Wenn er freudig jedem anderen Hund entgegenspringt (obwohl der andere Besitzer vielleicht gebeten hat, den Hund anzuleinen, weil der andere Hund wohl nicht sozialisiert ist), dann aber eine auf die Birne bekommt, weil der andere Hund so gar nicht freundlich war?

Wenn der Hund jeden Fremden anspringt, weil er ihn einfach so unheimlich süß und nett findet?

Sind unsere Hunde generell sozialisiert ?

Sozialisieren fängt ja schon dort an, wo der Hund aufwächst. Wird so ein Welpe innerhalb eines Rudels groß, bekommt er schon mal viel mit, was er für sein späteres Leben braucht. Familie und Struktur. Besteht der Kindergarten nun auch aus einem Außenbereich,wo sich der Welpe mit Geschwistern und größeren Junghunden balgen kann, bekommt er schon mal sehr viel mehr mit, als bloß menschliche Richtlinien. Wir können dem Hund zwar unsere Körpersprache lehren, aber wir können ihm die feinen Signale nicht zeigen, die sich Hunde untereinander geben. Zumal ein Welpe mit acht Wochen noch lange nicht alles kann, was er in seinem Hundeleben können sollte. In einem Rudel würde der Junghund ständig von den älteren Geschwistern und auch von den Eltern erklärt bekommen, was gut ist und was innerhalb des Rudels so gar nicht gut ankommt. Dinge, die in unserer heutigen Zeit kaum möglich sind, da es kaum noch intakte Rudel gibt. Welcher Züchter hält sich heute noch ein Rudel, ein richtiges Rudel, und verzichtet gänzlich auf Zwinger? Kaum einer. Doch es gibt sie, aber die Haltungsbedingungen eines Rudels sind andere, als jene, die man mit zwei oder drei Hunden hat, die man zudem vielleicht noch in Zwinger sperrt. Und auch die Aufzucht im Wohnzimmer hat nichts mit sozialisieren zu tun. Auch wenn der Welpe eng mit seinem Menschen aufwächst, so werden ihm die Grundlagen des hündischen Daseins oft nicht mitgeliefert. Ist der Neubesitzer eines Welpen nun ein Hundekenner, so lenkt er seinen Welpen automatisch in die Richtung, in der er ihn haben will und lässt auch schon mal zu, dass er von älteren Hunden eine auf die Rübe bekommt, wenn er sich frech oder aufdringlich verhält und den nötigen Respekt außer acht lässt.

Es gibt aber viel zu viele Hundebesitzer, die den Hund vermenschlichen, sein Handeln an menschlichen Maßstäben messen und sehr, sehr oft vergessen, dem Hund zu zeigen, was in der Gesellschaft gut ankommt und was nicht.

Zieht der Ventilator gerade mal wieder an der Leine, um einen entgegenkommenden Hund mit Haut und Haaren zu verspeisen, hat er nie gelernt, dass er das nicht darf. Das hat nix mit dem Sozialisieren zu tun, sondern mit Wissen.

Wenn Sie Ihrem Kind nicht beibringen, dass man Danke sagt, wenn man etwas bekommt, dann wird es dies nicht wissen und auch nicht tun.

Wieso lässt man es als Hundebesitzer überhaupt soweit kommen, dass der Hund an der Leine zieht und sich benimmt, als wäre er Bigfoot persönlich? Eigentlich eine tolle Leistung des Besitzers. Man hat dem Hund immerhin beigebracht zu ziehen. Das konnte er als Welpen noch nicht. Man hat ihm beigebracht, bellen und knurren zu dürfen und man hat ihm gezeigt, dass man sich wie Herkules nach dem Schlucken eine Atombombe benehmen kann. Schaut Sie Ihr Hund an, wenn er an der Leine zieht? Nein! Reagiert er auf einen Zuruf? Nein! Reagiert er überhaupt auf etwas? Nein! Glauben Sie dann allen Ernstes, dass Sie eine gute Kommunikationsbasis mit dem Hund geschaffen haben?

Hunde sind Hunde und dürfen nicht wie Menschen behandelt werden. Wir Menschen sollten den Verstand haben, die Sprache unserer Hunde ebenso zu erlernen, wie Hunde unsere Sprache erlernen müssen, um überhaupt irgendwie  zurechtzukommen. Leider weigern sich viele Menschen, ihr Tier auch nur ansatzweise kennenzulernen.

Hunde sind, ähnlich wie Wölfe, Rudeltiere, die durch Signale, Körpersprache und Laute untereinander kommunizieren. Sie haben ein familiäres Gefüge, helfen sich untereinander, sind auch gemeinsam läufig und ziehen gemeinsam die Welpen groß. Wenn man das Revier verteidigt, verteidigt man es gemeinsam, wenn man jagt, jagt man zusammen, wenn man spielt, spielt man miteinander. Im Rudel ergeben sich Freundschaften, wie es auch Mitglieder gibt, die sich nicht so wirklich mögen, aber gelernt haben, miteinander auszukommen.

Von dieser Familie bekommt ein Welpe allerdings relativ wenig mit, wenn er mit acht oder zehn oder auch zwölf Wochen verkauft wird.

Was er darf oder auch nicht darf, muss ihm gezeigt werden. Er sollte lernen den Menschen einzuordnen, ihn einzuschätzen, stattdessen wird alles zugelassen und der Welpe grundsätzlich von allem ferngehalten, was gefährlich werden könnte, wodurch für den jungen Hund die Welt ein Schlaraffenland sein muss.

Jetzt wächst nicht nur der Hund, sondern auch seine Persönlichkeit, die, einmal aus dem Ruder, dazu führt, dass man behauptet, der Hund sei nicht sozialisiert worden. Kommt vom Menschen auch noch falsches Verhalten dazu, ergänzt sich das und wir haben einen Hund, der Mist baut, dem der Mensch dann nicht mehr entgegenzutreten weiß.

Nehmen wir ein Beispiel.

Sie nehmen sich einen erwachsenen Hund, mit, sagen wir, gut einem Jahr. Ja, okay, noch nicht ganz erwachsen, aber sagen wir, schon groß.

Dieser Hund kann einige Dinge ganz wunderbar. An der Leine ziehen, andere Hunde angreifen und zu Hochform auflaufen, wenn Sie vielleicht einen anderen Hund streicheln wollen. Da mutiert dieses Tier dann zu Godzilla und Sie sind nicht fähig, das abzustellen. Ein total asozialer Hund, oder?

Nun, vielleicht sollte man diesem Hund verbieten, zu bellen und zu knurren, wenn Sie das nicht erlauben? Sie sind Hundeführer, sie sind der Leader, der Führer, derjenige, bei dem sich ihr Hund sicher fühlen sollte. Ignoriert er Sie, sind sie alles, aber kein Leader, kein Führer, denn das besorgt Ihr Hund gerade. Überdenken Sie mal einen Rollentausch.

Ihr Hund sollte lernen, wann die Leine zu Ende ist, er sollte reagieren, wenn Sie „nein“ sagen, er sollte hinter Ihnen bleiben, wenn Sie „zurück“ sagen und sollte Sie anschauen, bevor er etwas tut. Blickkontakt! Diese Dinge funktionieren in den meisten Fällen nie.

Der Hund wird angebrüllt, es wird an der Leine gezerrt und gerissen, was dem Hund scheißegal ist, denn der macht godzillamäßig weiter, verfällt sogar ins Schnappen, vielleicht auch gegen Sie. Ich habe schon Hunde gesehen, deren Besitzer Mühe hatten, ihn zu halten und nicht gebissen zu werden.

An dieser Stelle gebe ich keine Schulung, ´wie zeige ich´s meinem Hund`, sondern gebe lediglich den Hinweis, dass Ihr Hund etwas falsch macht, was Sie nicht im Griff haben. Überdenken Sie die Kommunikation mit Ihrem Hund, zuhause, im Garten, wo auch immer Sie gerade sind. Ein Hund, der Sie beobachtet und anschaut, wird gar nicht so schnell auf die Idee kommen, Theater zu machen.

Ach, und wie sieht es mit den Kommandos aus?

Wie oft müssen Sie „sitz“ sagen, bis Ihr Hund sitzt? Wie oft „hier“, wenn er kommen soll? Haben Sie schon mal überlegt, dass Ihr Hund Sie auch beim ersten Mal hört, aber weiß, dass es erst beim zehnten Mal notwendig ist, irgendwas zu tun? Erzählen Sie Ihrem Hund auch Rezepte oder diskutieren Sie vielleicht mit ihm? Kommst du jetzt, hier, kommst du jetzt her, wirst du wohl, hier, habe ich gesagt, hier, kommst du jetzt wohl, Himmel, Arsch und Nonnenkinder, hier, verflixt, hier. Und Wuffi bleibt seelenruhig am Busch stehen, um zu riechen und nochmal das Bein zu haben. Tolle Diskussion. Herrlich.

Ginge auch mit „sitz“.

Sitz, machst du jetzt sitz, gehst du sitz, wirst du wohl, nein, sitzen bleiben, sitz, mach sitz, sitz, sitz, nein, sitz.

Als Hund käme ich mir verdammt dämlich vor.

Vielleicht gibt es ein paar ganz einfach Grundregeln, damit ihr Hund gut sozialisiert rüber kommt.

Sie bestimmen die Regeln!

Sie sagen, was Wuffi darf und was nicht und ziehen das diskussionslos durch.

Erklären Sie Ihrem Hund nicht die Welt.

Verstehen Sie, wenn anderen Leuten das Verhalten Ihres Hundes nicht gefällt. Ihr Hund kann das nicht. Zeigen Sie es ihm.

Ihr Hund hört ihr Kommando auch beim ersten Mal. Agieren Sie tonlos und Ihr Hund wird reagieren.

Lernen Sie Ihrem Hund keine Dinge, die sie später nicht brauchen können.

Bedenken Sie, Ihr Hund ist ein Hund. Bellen, Knurren, Fipsen, Hecheln, gehört zum Hund, wie die Worte zum Menschen. Er hat nur das.

Arbeiten Sie mit den Signalen, die Hunde untereinander benutzen. Hunde sind clever, er kann Ihnen folgen. Nur Sie müssen lernen, eine Sprache zu verwenden, die er auch verstehen kann.

Sie sollten für Ihren Hund der Leader, der Führer, der sein, dem er blind vertrauen kann. Zusammen sind sie ein Team, nicht einzeln, das geht nur, wenn Sie mit Ihrem Hund kommunizieren und ihm zu verstehen geben, dass man nur gemeinsam zum Ziel kommt.

Und noch etwas, was man vielleicht nicht vergessen sollte.

Rassen wurden vorzugsweise für etwas bestimmtes gezüchtet:
Hütehunde zum Hüten von Herden.
Spürhunde zum Auffinden und verfolgen von Fährten.
Apportierhunde zum sicheren Apportieren.
Jagdhunde als unentbehrliche Helfer bei der Jagd.
Schlittenhunde zum Ziehen von Schlitten im ewigen Eis.

Und dabei gibt es noch viele andere Rassen, die für eine spezielle Verwendung gezüchtet worden sind.

Wenn Sie sich also einen Husky zulegen, dann seien Sie nicht verwundert, wie selbständig und lauffreudig diese Rasse sein kann. Dafür wurde sie gemacht.

Ärgern sie sich bei einem Bauhund nicht darüber, dass er versucht, in einen Bau zu kriechen oder eine Ratte irgendwo zu verfolgen.

Verzweifeln Sie nicht, wenn ihr Jagdhund dem Jagdfieber verfallen ist, oder wenn der Windhund nicht zum Couchpotaoe wird.

Und seien Sie sich auch immer über eines im Klaren.

Der Vorfahre unserer Hunde ist der Wolf. Gewisse Instinkte sind ihm erhalten geblieben. Ein Wolf ist ein Jäger, ein Räuber und will nur eines, überleben und sich und seine Familie schützen. Wundern Sie sich nicht, wenn Ihr Hund das vielleicht auch möchte, vielleicht nicht im überdimensionalen Maß, aber doch.

Wenn Sie also das nächste Mal sagen möchten: Mein Hund ist nicht sozialisiert , dann ändern Sie was dran. Sie können ihn biegen, formen, ändern, ihm zeigen was er darf, oder was nicht gut ankommt. Wenn Ihr Hund gelernt hat, Sie zu beobachten und mit Ihnen zu kommunizieren, werden Sie auch immer einen gut sozialisierten Hund haben. Und denken Sie daran. Sie arbeiten ein Hundeleben lang daran, nicht nur vierzehn Tage.